Armenversorgung im 16. Jahrhundert von Johannes Barghoorn
Die Menschen des 15. und 16. Jahrhunderts würden ungläubig auf unser heutiges „perfektes soziales Netz“ schauen. Damals gab es weder eine gesetzliche Rentenversicherung, eine Arbeitslosenversiche-rung noch einen Anspruch auf soziale Leistungen. Arme waren auf die „Barmherzigkeit“ ihrer Mit-menschen angewiesen. Um bei Krankheit, beim Tod von Angehörigen oder im Alter versorgt zu sein, mußte man sich selber Rücklagen schaffen. Und das gelang eigentlich nur den wohlhabenden Schich-ten.
Der „kleine Mann auf der Straße“ lebte bei dem geringen Einkommen meist „von der Hand in den Mund“ und war kaum in der Lage, Vorsorge für Notfälle zu treffen. Die Familie hatte damals jedoch einen ganz anderen Stellenwert. Sie sorgte für die Waisen, für die Kranken und für die Alten, so dies möglich war. Das war die Regel und es wurde auch für selbstverständlich erachtet, daß die Eltern im Alter von den Kindern versorgt wurden.
Wo dies jedoch nicht möglich war, da war die Armenversorgung gefordert.
Bruderschaften - gute Werke - Betteln.
Weil es keine geregelte staatliche oder kommunale Versorgung gab, sorgte die Kirche für das "gemei-ne Volk" mit der kirchlichen Diakonie, dem Gasthaus und dem Waisenhaus. Für die Bürgerschaft sorgten aber die gut organisierten Gilden der Handwerker, der Schiffer und Kaufleute mit ihren halb geistlichen, halb weltlichen Bruderschaften. So gab es damals mehrere solcher Einrichtungen der Handwerker-Gilden in Emden, "Kaland-Bruderschaften" oder auch "fratres calendarii" genannt (weil der Versammlungstag immer der erste Tag eines jeden Monats war ), z.B. "Unserer lieben Frauen-Bruderschaft" und "St.Annen-Bruderschaft" in Faldern sowie die "St. Antonius-Bruderschaft " an der Großen Kirche. Sie dienten ursprünglich wohl vor allem der Heiligen-Verehrung, später ging jedoch die Haupt-Bedeutung mehr auf die Armenpflege über. Wie die Namen der Bruderschaften zeigen, sind sie noch in katholischer Zeit entstanden, in Emden im 15. Jahrhundert. Armenfürsorge war zu dieser Zeit also eine Sache der berufsständischen Bruderschaften, die für ihre Mitglieder sorgten. Die völlig hilflosen Armen waren dagegen auf die „guten Werke“ der Begüterten angewiesen, die aus Sorge um ihr Seelenheil bereit waren abzugeben, direkt an einzelne Menschen oder an die kirchliche Diakonie - und die letzte Rettung war das Betteln, das im Mittelalter nicht so verpönt war wie später.
Mit der Reformation wurde dann alles anders.
Die geistig-religiösen Bewegungen der Renaissance, des Humanismus und der Reformation veränder-ten die Welt und die Einstellung der Menschen. Und die Krise der katholischen Kirche beschleunigte diese Prozesse. Die Schaffung neuer Schulen und der immer mehr Verbreitung findende Buchdruck ermöglichten eine fortschreitende Bildung der bürgerlichen Schichten, in Ostfriesland auch der bäuer-lichen. Damit verbunden war jedoch eine viel kritischere Betrachtungsweise und Aufgeschlossenheit für eine Erneuerung innerhalb der Kirche und damit der Gesellschaft. Daher gab es ein allgemeines Streben nach religiöser Erneuerung, auch in Ostfriesland. Die Reformationsbestrebungen begannen in Emden etwa um 1520, also knapp drei Jahre, nachdem Luther seinen Konflikt mit dem Papst öffent-lich gemacht hatte. Durch die Unentschiedenheit der Cirksena-Grafen blieb es hier lange offen, welche Richtung der Reformation sich durchsetzen würde, die wittenbergisch-lutherische oder die von Zwing-li und Calvin ausgehende, die über die Schweiz und die Niederlande Ostfriesland erreichte.
Das Ergebnis wurde schließlich von außen bestimmt : Emden und Teile der Krummhörn gerieten poli-tisch unter niederländischen Einfluß, und hier wurde ausschließlich die calvinistisch-reformierte Kon-fession geduldet. Keimzelle war die Große Kirche, auch "Moederkerk" genannt.
Das Grafenhaus und der größte Teil Ostfrieslands übernahmen jedoch die lutherische Konfes-sion - und weder Lutheraner noch Reformierte duldeten das Weiterbestehen katholischer Kirchen im Lande. Die Katholische Kirche wollte natürlich ihre alte Ordnung erhalten. Daher setzte, im Gegensatz zu Ostfriesland, in Frankreich, Flandern und den Niederlanden eine rücksichtslose und erbarmungslose Verfolgung der neuen Glaubensrichtung ein. Es kam zur Vertreibung der sog. "Ketzer" aus Frankreich, 2

den Hugenotten. Aus Flandern und den Niederlanden wurden die „Exulanten“ durch die Spanische Krone unter Karl V., Philipp II. und Herzog Alba vertrieben. Dadurch verursacht kamen große Flüchtlingsströme in das tolerantere Deutschland.
Seit 1540 wurde Emden das Ziel einer wachsenden Zahl von Glaubensflüchtlingen. Hatte die Stadt 1530 noch weniger als 4.000 Einwohner, so stieg die Zahl bis 1550 auf etwa 5.000 und bis 1570 auf mindestens 15.000, darunter zwischen 5.000 und 6.000 niederländische Flüchtlinge. Man versuche das einmal gedanklich auf heutige Verhältnisse zu übertragen ! ( Zahlen nach Heinrich Schmidt. „Ge-schichte der Stadt Emden von 1500 bis 1575“, Pewsum 1994). Wegen der sprachlichen Nähe zwi-schen dem Niederländischen und dem Niederdeutschen gründeten die Glaubensflüchtlinge in Emden keine eigene Gemeinde, wie später die französisch sprechenden Hugenotten mit ihrer "französisch reformierten Gemeinde", sondern sie schlossen sich der bestehenden reformierten Stadtkirche an, die ihnen ja auch theologisch verwandt war.
Zur Erklärung der damaligen Situation mögen zwei Zitate beitragen: Johannes á Lasco, von 1542 bis 1549 erster Superintendent in Ostfriesland, schrieb an seinen Freund Hardenberg in Bremen:
"Wir sind hier alle so aufgenommen, daß es bei den nächsten Verwandten nicht liebevoller hätte geschehen können. Alle angesehenen Männer des Landes sind so besorgt um die Kir-che, daß ich ihren Eifer, ihre Freundlichkeit, ja auch ihre Freigebigkeit nicht genug preisen kann. Wir sind in ein gemeinsames Vaterland gekommen".
Bezeichnend ist auch die Emder Polizeiverordnung der Gräfin Anna von 1545 :
"wenn jemand, der nur wegen seines Bekenntnisses zum Evangelium vertrieben ist, um Auf-nahme bittet, so soll man ihm diese nicht verweigern, damit Stadt und Land sich an Ein-wohnern mehre".
Dieses "an Einwohnern mehren" bedeutete natürlich auch massive wirtschaftliche Interessen. Emden, begünstigt als neutraler Hafen zwischen den Fronten, nahm einen ungeahnten wirtschaftlichen Auf-schwung. Geflüchtete Reeder, Kaufleute und Handwerker brachten Kapital und wirtschaftliche Ver-bindungen und ein "know how" von höchstem europäischen Standard mit. Es erfolgten zu dieser Zeit der Rathausbau, die Erweiterung der Stadt um den Vorort Faldern, die Stadterweiterung nach Norden (Neutorviertel, Bentinkshof, Boltentorvorstadt) sowie der Bau der Wallanlagen.
Die Flüchtlinge brachten Reichtum in die Stadt und damit wirtschaftliche Entwicklung in ei-nem hier bisher nicht gekannten Ausmaß - über ihre Armen reden wir später. Neu war aber auch das reformierte Verständnis von Kirche und Kirchenorganisation mit Selbstverwaltung und Selbstverant-wortung der Gemeinden. Man kannte und kennt auch heute noch keine vorgesetzte Obrigkeit wie Bi-schof oder Papst. Auf der Emder Synode der „Gemeinden unter dem Kreuz“ im Jahre 1571 wurden folgende Grundsätze aufgestellt und in die Kirchenordnung übernommen :
„.... keine Gemeinde soll über andere Gemeinden, kein Pastor über andere Pastoren, kein Ältester über andere Älteste Vorrang oder die Herrschaft beanspruchen. .... In der Kirche gibt es keine Herrschaft von Ämtern, sondern alle Angelegenheiten werden im geschwisterli-chen Gespräch geregelt“.
Ein Mittel zum Zusammenhalt der Gemeinde war die sogenannte "Kirchenzucht". Verstöße gegen Sitte, Ordnung oder religiöse Dinge wurden dem Kirchenrat zugetragen. Das Kirchenzucht-Verfahren wurde nicht durch Strafe bestimmt, sondern bestand aus der Ermahnung zu Busse und Einsicht. Erst nach zweimaliger nutzloser Ermahnung wurde der Ausschluß aus der Gemeinde, der "Kirchenbann" ausgesprochen, der dann allerdings sehr negative gesellschaftliche Folgen hatte.
1554 wurde der "Emder Katechismus", ein kirchlicher Leitfaden, verfaßt, der noch bis in die zweite Hälfte des vorigen Jahrhunderts in Ostfriesland im Gebrauch war und erst dann durch den be-kannteren "Heidelberger Katechismus" abgelöst wurde. In diesem Emder Katechismus heißt es sehr tolerant über die Kirchenzucht:
"Sündigt aber dein Bruder, so gehe hin und weise ihn zurecht zwischen dir und ihm alleine. Höret er auf dich, so hast du deinen Bruder gewonnen. Höret er aber nicht auf dich, so nimm noch einen oder zwei zu dir, damit jede Sache durch den Mund von zwei oder drei Zeugen bestätigt werde.
Höret er auch auf die nicht, so sage es der Gemeinde. In diesem Falle müßten die Diener (Pastoren) und Ältesten mit Zustimmung der Gemeinde den Ungehorsamen und Unbelehrba-ren von der Gemeinde ausschließen und bannen.
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Bekehrt er sich jedoch nach dem Ausschluß zu dem Herren und bekennt er sein Unrecht vor der Gemeinde, so soll man ihn wieder aufnehmen".
Zuwachs an Menschen und an Reichtum, die neue religiöse Lehre der Reformierten und eine strategi-sche Position zu den Niederlanden in ihrem Krieg mit Spanien : Das waren die Grundlagen für die Entwicklung Emdens zu einer quasi autonomen Stadtrepublik mit einer zwar nicht rechtlichen wohl aber faktischen Unabhängigkeit von den Cirksena-Grafen. Dazu gehörte auch die faktische Einheit von Kirche und politischer Herrschaft. Das heißt, im wesentlichen wurde die Stadtpolitik, auch die Emder Revolution, im Kirchenrat gemacht.
Vor dem hier skizzierten Zeithintergrund ist die zwischen 1495 und 1558 erfolgte Gründung von drei Emder Institutionen der Armenfürsorge zu sehen, die wir im Folgenden vorstellen wollen. Sie haben sich alle bis in die Gegenwart erhalten - von den ursprünglichen Aufgaben ist jedoch kaum eine geblieben.
Die Clementiner Bruderschaft.
Ursprünglich war sie eine "fromme Bruderschaft zu Ehren Gottes und des heiligen Papstes Clemens", sowie eine "kirchliche Bruderschaft zur Pflege der Wohltätigkeit und zur Sorge für die verstorbenen Mitglieder durch feierliche Begräbnisse und Seelenmessen". Sie wurde 1495 gegründet, also bereits vor der Reformation und wird „Schiffergilde“ oder auch „Kollegium der Schiffer-Armen“ genannt. Der Volksmund nennt sie „Botter-Schötel“, weil Butter, aber auch Brot, Grütze und Torf zur Vertei-lung gelangten.
Die Bruderschaft unterstützte Witwen und Waisen der Schiffer, und unterhielt auch die „Go-deskamern“ gegenüber der Großen Kirche, in denen alte Frauen, meist Schifferwitwen, ihren Lebens-abend verbringen konnten. Die Godeskamern mußten im Zweiten Weltkrieg dem Bau eines Bunkers weichen. Der Unterstützungsfonds wurde von den Mitgliedern aufgebracht. In der noch erhaltenen Gründungsurkunde von 1495 heißt es:
: "ende leenen der Broderscap eenen golden
rynsche Gulden een jaer lanck
".
Der Ertrag dieses Kapitals kam dann dem Fonds zugute.
Schiffahrt war damals sehr risikoreich, aber auch gewinnträchtig. Entweder hoher Gewinn, der dann anteilsmäßig der Bruderschaft zufiel, oder Verlust, meistens Totalverlust, den das Mitglied dann selber zu tragen hatte, wenn es überhaupt überlebte.
Man feierte früher jährlich auf dem Rathaus im Rummel am "heiligen Dreikönigstag", dem 6.Januar, mit großem Aufwand den Gründungstag von 1495. Dabei wurden von den Eingeladenen wie es heißt "reichliche Gaben" eingesammelt. Das Fest scheint aber im Laufe der Zeit in ein "öffentliches Gelage" ausgeartet zu sein, so daß ab 1676 diese "Gildemahlzeit" abgeschafft wurde und dafür eine "Neujahrscollekte" eingesetzt wurde. Die "Schaffer" gingen von Haus zu Haus, ihnen voran liefen Waisenknaben des Gasthauses, die mit dem Ruf : "Schipper-Armen, mededeelen" ihr Kommen an-kündigten. Das geschah noch bis in dieses Jahrhundert hinein.
Heute besteht die Clementiner Bruderschaft aus einem Ältermann und 5 Schaffern und hat nur noch die Aufgabe, die Tradition aufrecht zu erhalten.
Gesammelt wird nicht mehr. Die Zinsen des Kapitals werden zu gemeinnützigen Zwecken verwandt.
Am 6. Januar 1995 wurde das 500-jährige Jubiläum feierlich begangen.
Stadt Emdens Kornvorrat.
Nach der Reformation wurde 1557 die Stiftung „Stadt Emdens Kornvorrat“ gegründet. Dieser war rein weltlichen Ursprungs, es gab keine aktive Beteiligung der Kirche. Sein Zweck war, die Teuerung bei Mißernten auszugleichen. 1 Last Roggen, etwa 2 Tonnen, kostete damals normalerweise um 18 Thaler. Der Preis stieg durch Mißernten mitunter bis auf 80 oder 90 Thaler, denn damals war nicht wie heute ein weltweiter Ausgleich möglich. Die Gräfin Anna und die Bürger stifteten ein Kapital zum Ankauf von Korn, und in einer Beschreibung heißt es: 4

" ....eine Summe Geldes zusammen zu legen, dafür Roggen anzukaufen und in Zukunft stets davon einen "Vorrath" zu halten, damit in Zeiten der Noth und Theuerung nicht bloss die Armen, sondern überhaupt jedermann Brot zu einem mässigen Preise erhalten könne“.
Sechs Emder Bürger sammelten ein Grundkapital von 935 Gulden 3 Schaf 5 Witte, außerdem schenkte die Gräfin Anna eine Last Roggen. Das Korn wurde auf dem Boden der Gasthauskirche gelagert, später im alten Fleischhaus am Neuen Siel in der Brückstraße. Über die Jahrhunderte bewährte sich diese Einrichtung, die immer sehr kapitalkräftig war und dadurch manche Not lindern konnte. Die Notwendigkeit einer solchen Vorsorge wird auch dadurch bestätigt, daß der Emder Kirchenrat es 1576 für sinnvoll hielt, auch noch einen kirchlich verwalteten Kornvorrat zu schaffen, „tot profyt den Ar-men“.
Der bürgerliche „Stadt Emdens Kornvorrat“ hielt sich bis ins 20. Jahrhundert hinein. Den größten Teil seines Kapitals, 20.000 Goldmark, stiftete er in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg zum Bau des Neuen Emder Krankenhauses am Burgplatz. 1978 löste sich der Kornvorrat nach dem Tode der beiden letzten Mitglieder auf, und das restliche Vermögen ging an die "Diaconie der Fremdlingen Armen". Aber es gibt Bestrebungen, den „Kornvorrat“ wieder aufleben zu lassen um die alte Tradition zu erhalten.
Die „Diaconie der Fremdlingen Armen“.
Wie eingangs beschrieben, füllte sich Emden, das als "Hochburg des neu entstandenen Protestantis-mus" galt, um die Mitte des 16. Jahrhunderts mit niederländischen Flüchtlingen. Man kann sich heute kaum noch vorstellen, mit welcher Grausamkeit diese neue Glaubensrichtung von der bisherigen Kir-che verfolgt und bekämpft wurde, und mit welch bewunderungswürdiger Festigkeit diese "Ketzer" an ihrem neuen Glauben festhielten und Vertreibung und Armut hierfür in Kauf nahmen. Sowohl die Landesherrschaft, von 1540 bis 1561 die Gräfin Anna, wie auch die Stadt begrüßten den Zuzug, vor allem aus wirtschaftlichen Gründen. Aber Reichtum und Armut lagen bei den Glaubensflüchtlingen dicht beieinander. Manchem gelang es, seine Habe zu retten. Viele kamen jedoch völlig mittellos hier an. Als sich dann innerhalb von drei Jahrzehnten Emdens Einwohnerzahl etwa vervierfachte, entstan-den Probleme, mit denen die bisherige kirchliche Diakonie vollkommen überfordert war. Emden woll-te weitere Flüchtlinge nur unter der Bedingung aufnehmen, daß sie die Versorgung ihrer Armen selber organisierten.
Da bewährte sich das typisch calvinistische Denken. Danach ist es kein Widerspruch zu einem gottge-fälligen Leben, erfolgreich und wohlhabend zu sein, wenn sich daraus die Möglichkeit ergibt, milde Wohltätigkeit zu üben. Oder auf die heutige Zeit bezogen:
„Sozial ist nicht, wer das Geld anderer Leute verteilt, sondern wer dafür sorgt, daß es über-haupt etwas zu verteilen gibt !“
Armut in Grenzen zu halten, ist nach reformiert-christlichen Vorstellungen Aufgabe einer wohlgeord-neten Gemeinde. Betteln jedoch wurde nicht geduldet.
1558 kam es zur Gründung der „Diaconie der Frembdlingen Aermen binnen Emden“ un-ter Vorsitz des Predigers Johannes á Lasco und mit Unterstützung der Gräfin Anna. Diese Diakonie ist zwar kirchlich orientiert, aber doch von der Kirche unabhängig ; und so ist es auch heute noch! Im Gegensatz dazu ist die “Diaconie der Huus-sittenden (einheimischen) Armen" rein kirchlich orga-nisiert. Die Gräfin Anna genehmigte für die Flüchtlinge eine wöchentliche Sammlung jeweils Montags ab 9 Uhr vom Delft aus. Man trug den sogenannten "spanischen Mantel" und einen Zylinder. So ge-schah es noch bis zu Beginn des zweiten Weltkrieges. An die Bedürftigen wurden Naturalien (Brot, Grütze, Butter, Heringe) und Brennmaterial (Torf) verteilt.
In der Kirchenordnung von 1594 wird das Wirken der Diakonie folgendermaßen beschrieben :
„Van den Nederländischen düdeschen Frembdlingen, und ehre Armenbedeninge.
Boven alle vorige ordentlicke Gemeine bedeninge, hebbe ock gedachte Frembdlingen ehre besondere Ordnunge, tho welcker de allein gehören, so uth den Nedderlande, der wahren Religion halven verdreven, und Lidtmaten der Kercken sindt.
Tho dem Denst, sind twelff Diaken erwelet, darvan twe des Jahres affgahn, und werden an deren Stadt, andere twe van den Predigeren, un Frembdlinge, tho der Ordnunge gehörich, nha vorganden Gebedt beropen.
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Ehr Ampt is, dat se twee und twee, alle Mandage de Almosen van den Vorwandten ehrer Ordnung insamblen, und einer van den, vierteindage der Armen bedeninge hebbe, und ehnen de Almosen in den Husern brenge.
Und wenn de vorlopen, kamen se thosamen in gegenwordicheit eines Predigers, eröpenen de Büssen, und stellen tho Boecke, wat de vierteindage aver entfangen unde uthgegeven sy, be-rathslagen van ehren Armen, unde wat tho erholdinge der Ordnunge gehöret. Besluten alle ehre Rathsläge mit einer Christlicke Dancksegginge, un Gebedt, un doen im anfanck des nye Jahres eine öpentlicke ordentlicke Rekenschop, so ock van den Cantzelen, der gantzen Ge-meine vorkündiget, und van den Predigern, Oldesten, und anderen Tügen underschreven werdt.
Alle disse gemelte Ordnungen, dewyle se weinich gewisse Renten hebben, bestahn up der milden Woldedicheit der framen unde gudthartigen Borgeren, de darto in den Predigen-Godtlickes Wordes, und sonderlinge wenn de Gemeine umbgangen, vorhanden, flytich vor-mahnet, unde der bewesenen mildicheit halven gedancket werden.
Und hefft de getrüwe Godt, den Segen beth darher gegeven, dat de gude Borgerschop eine grote mercklicke Summa Geldes, Godt ehrem Heren tho Ehren, unde den Armen thum besten unbeswärlick Jahrlicks contribueret hefft, unde sindt guder Thovorsicht, de Barmhertzige Godt, werde nha syner Thosage, de frame Borgerschop wedderumme segenen, unde se in Geistlicken unde tydtlicken Güderen lathen thonehmen unde wassen“.
Oder in heutiger Sprache :
"Die Fremdlingen haben ihren besonderen Orden, wozu nur diejenigen gehören, welche der wahren Religion halber aus den Niederlanden vertrieben und Mitglieder der reformierten Kirche sind.
Zum Dienste sind 12 Diakone gewählt, von welchen des Jahres zwei abgehen und an deren Stelle zwei andere durch die zum Orden gehörenden Fremdlinge nach vorhergegangenem Gebet gewählt werden.
Ihr Amt ist es, zu zwei und zwei, jeden Montag die Almosen von den Mitgliedern ihres Or-dens einzusammeln, während einer von ihnen vierzehn Tage lang die Armenbedienung hat und den betreffenden Bedürftigen die Gaben in das Haus bringen muß.
Wenn diese Sammlung nun zu Ende, kommen sie zusammen, öffnen die Büchsen, und notie-ren, was sie während der 14 Tage empfangen und ausgegeben haben, besprechen sich über ihre Armen und beraten, was ihnen und dem Wohl des Ordens dienlich sei.
Alle ihre Beratungen schließen sie mit christlicher Danksagung und Gebet und geben im An-fang eines jeden neuen Jahres eine öffentliche Abrechnung, die auch von den Kanzeln ver-kündet und von den Predigern, Ältesten und anderen Zeugen unterschrieben wird.
Der Orden ist, weil er nur wenige bestimmte Einkünfte hat, auf die milde Wohltätigkeit der frommen, gutherzigen Bürger angewiesen, die dazu in den Predigten über das göttliche Wort, insonderheit aber bei den Hausbesuchen fleißig ermahnt und für die bewiesene Mildthätigkeit bedankt werden.
Und hat der getreue Gott bisher seinen Segen gegeben, da die gute Bürgerschaft eine merk-liche Summe Geldes, Gott ihrem Herrn zur Ehre, und den Armen zum Besten, jährlich ohne viel Mühe contribuieren konnte, so leben wir der festen Zuversicht, der barmherzige Gott werde nach seiner Zusage die fromme Bürgerschaft wieder segnen und sie in geistlichen und zeitlichen Gütern lassen zunehmen und wachsen".
Die Lage der Flüchtlinge veränderte sich, als 1594 die Spanier das belagerte Groningen aufgeben mußten und die Stadt wieder niederländisch wurde - ein Ereignis, das heute noch als „Reductie“ gefei-ert wird. 1609 kam ein Waffenstillstand zwischen Spanien und den Niederlanden zustande. Der größte Teil der Flüchtlinge kehrte in die Heimat zurück.
Aus Dankbarkeit für das gewährte Asyl errichtete man an der Großen Kirche das noch heute erhaltene "Diakonentor" mit dem "Schepken Christi" und der Umschrift :
"Godts Kerck vervolgt verdreven 6

heft Godt hyr Trost gegeven“
Der Freiheitskampf der Niederlande ging aber erst 1648 im Westfälischen Frieden zu Ende. Seitdem wäre eigentlich der Zweck der Fremdlingen-Diakonie erloschen gewesen. Aber die Pest von 1665 mit 5518 Opfern, der 30-jährige Krieg, Sturmfluten und vieles andere ergaben immer Gründe, weiter tätig zu sein.
Selbst in der Hitler-Zeit bewahrte sie ihr Eigenleben und widerstand den Gleichschaltungsbestrebun-gen durch die N.S.V. (National-Sozialistische Volkswohlfahrt). Nach dem letzten Krieg und der Wäh-rungsreform war die Arbeit der Diakonie gänzlich zum Erliegen gekommen. Erst 1954 gelang ein neuer Anfang nach alter Tradition. Der Kreis der Unterstützungsempfänger hat sich im Laufe der Jahrhunderte natürlich geändert. Heute werden aus den Sammlungsergebnissen jeweils zu Ostern und Weihnachten überwiegend „verschämte bürgerliche Arme“ unterstützt, die ihre Bedürftigkeit nicht gerne wahrhaben möchten. In unseren Tagen sind die Konfessionsgrenzen sowohl bei den „Gebern“ als auch bei den „Nehmern“ nicht mehr vorhanden.
Die Akzeptanz unter der Bevölkerung ist sehr groß, trotz der Arbeit „im Verborgenen“. Aber die Tatsache, daß der Dienst von den Diakonen ehrenamtlich verrichtet wird, daß keinerlei Kosten entstehen und das gesamte Geld in unserer Vaterstadt verbleibt, ist das Motiv für die nicht nachlassen-de Spendenbereitschaft der Emder. Jährlich werden erfreuliche Sammlungs-Ergebnisse erzielt. Bis 1970 bedachte man die Unterstützungsempfänger mit Naturalien, mit Lebensmitteln und Brennstoff oder mit Geld, heute werden nur noch Geldspenden verteilt.
Aber neben der materiellen Hilfe ist die ideelle Hilfe oft noch viel wertvoller. Das persönliche Gespräch, das Bewußtsein, daß sich jemand um sie kümmert, und daß sie sich in ihrer Einsamkeit mit einem verständnisvollen Partner aussprechen können, hilft oft mehr als alles Geld. Denn es handelt sich ja in den meisten Fällen um ältere, alleinstehende und vereinsamte Bürger.
Die Diakone gehören ausnahmslos der reformierten Gemeinde an und nennen sich seit alters her "Bruder". Sie kommen monatlich zusammen , seit dem Wiederaufbau der Großen Kirche wieder in der Konsistorienstube, in der seit der Gründung im Jahre 1558 jahrhundertelang die Sitzungen ab-gehalten wurden. Den Vorsitz führt der Kassierer. Ihm steht der Präses zur Seite, der zu jeder monatli-chen Sitzung neu bestimmt wird. Die alten Bräuche sind immer noch erhalten, es wird nur plattdeutsch gesprochen. Der Ablauf der Sitzungen geschieht wie eh und je nach dem altem Ritus. Bei Einführung neuer Diakonen wird noch der „spanische Mantel“ getragen. Zum Abschluß einer Sitzung spricht der Präses, wie seit über 400 Jahren, die Worte :

"Wi drinken up dat Wel derFremdlingen-Diaconie,
up dat Wel der Frauen un Kinder van de Broeders,
un alles sall vergeten sien !“

Und alle Diakonen wiederholen : "Un alles sall vergeten sien !" zum Zeichen dafür, daß über den Kreis der Diakonen hinaus keine vertraulichen Dinge oder etwa die Namen der Unterstützungsemp-fänger an die Öffentlichkeit gelangen sollen.
Es ist erstaunlich und wohl nur mit dem Traditionsbewußtsein der Ostfriesen zu erklären, daß sich diese drei ehrwürdigen sozialen Einrichtungen bis auf den heutigen Tag über die Jahrhunderte erhalten haben und immer noch mit Leben erfüllt sind.